Hermann Doetsch (München): Kinematographische Individuierungsprozesse. Der lateinamerikanische Film und die Biopolitik

Kapitalismus, Nationalstaat, Biopolitik und Massenmedien bilden den gemeinsamen Rahmen, in welchem sich die Moderne entwickelt. Wie in wenigen Filmkulturen lässt sich diese Entwicklung am lateinamerikanischen Kino und dessen Verflechtungen mit staatlicher und wirtschaftlicher Biopolitik ablesen. Lateinamerikanische Melodramen, Horrorfilme, realistische Sozialdramen und Dokumentaressays stellen immer auch Interventionen und Explorationen biopolitischer Reformen und Maßnahmen dar. Für Carlos Monsiváis war das klassische Kino die Institution, die ihn erst zu einem Mitglied der modernen mexikanischen Gesellschaft erzogen hat, eine wahre „school-in-the-dark“. Das Kino spielt offensichtlich eine zentrale Rolle dabei „structures of feelings“ (Williams) auszubilden, welche das Verhalten der neuen Individuen regulieren. Wer lateinamerikanisches Kino verstehen will, kommt nicht daran vorbei sich mit biopolitischen Mechanismen auseinandersetzen — und umgekehrt. Biopolitische Maßnahmen bestehen darin, Körper zu mobilisieren, Individuierungsprozesse zu steuern und zu kontrollieren. Um biopolitische Regulierungen verstehen zu können, ist deshalb eine elaborierte Theorie von Affekten und Individuierungsprozessen, im Sinne von Gilles Deleuze — mit Spinoza — und Gilbert Simondon erforderlich. Die Vielschichtigkeit von Simondons Konzept, das nicht nur Individualität als singuläre, ereignishafte Konstellation zwischen präindividuellem Feld und transindividueller Struktur begreift, sondern darüber hinaus anorganische, physiologische, psychische, technische und soziale Prozesse von Ontogenese erfasst, erlaubt es dabei, in differenzierter Art und Weise die komplexen Prozesse moderner Individuation in aller ihrer Intensität und Vielbezüglichkeit in den Blick zu nehmen. Isabelle Stengers’ Konzept einer Ökologie der Praxis versucht des Weiteren, derartige Interventionen in die Wirklichkeit, wie die operative Steuerung von Handlungen, jenseits traditioneller Repräsentationskonzepte zu fassen und nicht mehr universelle Strukturen und Ordnungen zu beschreiben, sondern sich ständig verändernde Singularitäten, deren Ereignishaftigkeit sowie deren Potenzial sich zu bestimmten Konstellationen zu verbinden und diese auch wieder zu lösen. Einen wichtigen Fokus dieser Untersuchung der Genese von Seinsweisen („modes d’existence“; Latour, Stengers) bilden deshalb die Techniken und Infrastrukturen, welche die materiellen Grundlagen dieser Operationen von Individuierung und Regulierung darstellen, sowie deren spezifische Topologie. In diesem Sinne gilt es Kino erstens als eine machtvolle Institution zu sehen, die Individuierungsprozesse kontrolliert, es als Umwelt zu verstehen, welche die Zirkulation von Affekten und Perzepten reguliert und so virtuelle Tendenzen in Strukturen und Ereignisse überführt. Weiterhin bilden Filme materielle Manifestationen komplexer Prozesse der Individuierung. In diesem Sinne gilt es die filmische Produktion und Rezeption selbst als Individuierungsprozesse zu sehen und die je spezifischen technischen Gestaltungsmöglichkeit dieser Prozesse zu untersuchen, von der Variation melodramatischer Verfahren bis hin zu einer differenzierten neuartigen filmischen „Poiesis“ von Intensität.

Nanette Rißler-Pipka (Karlsruhe/Siegen): "Eine Frage der Ehre: Besitz und Geschlecht in der spanischen Literaturgeschichte"

Der Begriff der „Ehre“ deutet auf viele unterschiedliche Beziehungsweisen hin: Ehre definiert sich gerade über die Beziehung zu einem anderen Menschen, aber auch zu sich selbst oder zu einer moralischen Instanz (Gott o.ä.). Diese Beziehung wiederum ist stark von einer Dialektik des Besitzes geprägt: Ehre kann man haben und verlieren, sie kann einem genommen, gestohlen werden oder sie wird bewusst aufs Spiel gesetzt. Ehre kann verletzt und wiederhergestellt werden, sie kann aber auch gegeben werden bzw. aufgegeben werden. Wenn wir den juristischen Aspekt der Ehre und des Ehrenworts beiseitelassen (der auch eine Beziehung des Besitzes verbirgt), dann bleibt vor allem die Ehre in der Beziehung der Geschlechter übrig. Diese Beziehung betrachten wir an einigen wenigen bekannten Beispielen aus der spanischen Literaturgeschichte, die unmittelbar in die romanische und europäische Literaturgeschichte verweist – denkt man an den Don Juan-Stoff, aber auch das Vorurteil über ein zurückgebliebenes Spanien, das sich noch in den Bauerndramen Lorcas im 20. Jahrhundert spiegelt, die auf das Ehrendrama des Siglo de Oro verweisen. Neben diesem Rahmen aus Primärtexten, liegt der theoretische Schwerpunkt auf Derridas Konzept des „Gebens“ aus Donner le temps / La fausse monnaie (1991) (mit einem Seitenblick auf Mauss, Serres, Baudelaire, Poe, Molière) sowie Foucaults Ehre- und Ehebegriff aus Histoire de la Sexualité / Le Souci de soi (1984). Sofern Interesse besteht, paaren wir die Lektüre der Klassiker französischer Philosophie mit einem Experiment aus der quantitativen Textanalyse, um in einem Ausblick die Frage aufzuwerfen, ob Beziehungsweisen und äußerst schwer beschreibbare, wandelbare Begriffe wie Ehre und Geschlecht (weniger der Besitz) nicht auch sehr pragmatisch auf Grundlage der Primärtexte betrachtet werden können.

Mirjam Schaub (Berlin/Halle): "Affektökonomie im digitalen Zeitalter – aus alt mach’ neu?"

Neue Medien – hier: das Aufkommen der sogenannten social media – werden gerne zum Anlass genommen, die durch sie offenbar hervorgerufenen Ausdrucks- und Kommunikationsformen für unvorhersehbar oder exorbitant anders als die alten, schon bekannten zu halten. Das Unvertraute im Umgang nährt die Hoffnung, auf (noch) korrigierbare Fehlentwicklungen hinzuweisen. Demgegenüber möchte ich in meinen Vortrag versuchen, das buchstäblich „Ur-alte“ der digitalen Welteroberung in Erinnerung zu rufen. Dabei begreife ich die sog. „sozialen Medien“ als die Institutionalisierung einsinniger Kommunikationsformen, die sich im Schutz von Anonymität, Körpervergessenheit und Schriftbasiertheit vorzüglich eignen, um eigene wie fremde Affekte gleichermaßen zu schüren, abzureagieren und zu kultivieren – all dies mit dem Ziel, durch einen Klick Beifall zu finden, den eine Versammlung aus körperlich Anwesenden, Streitenden, Liebenden nie zu zollen bereit wäre. Der Vortrag beschäftigt sich also mit „Beziehungen“, die aufgrund ihrer medialen Konstitutionsbedingungen besonders geeignet sind, unter dem Verdacht der Manipulation, der Komplizenschaft, der Stimmungsmache, der Affektregulierung mit unlauteren Mitteln zu fallen. Dabei werden Autoren wie Friedrich Nietzsche, Roland Barthes, Michel Foucault, Gilles Deleuze eine Rolle spielen.

Tanja Schwan (Leipzig) "Beziehungsweise Brief – Brief/Literatur in der Romania"

... denn vernichten müßte man es sofort, was über Heute geschrieben wird, wie man die wirklichen Briefe zerreißt, zerknüllt, nicht beendet, nicht abschickt, weil sie von heute sind und weil sie in keinem Heute mehr ankommen werden. Ingeborg Bachmann: Malina (1971)

Die Beziehungsweise Brief/Literatur ist so paradoxal wie prekär. Tauchen Briefe in einer literarischen Umgebung auf, so fungieren sie als Medien – beziehungsweise im ganz wörtlichen Sinn als ‚Mittlerʹ: Zwischen dem brieflich verbürgerten Anspruch auf Authentizität und den Fallstricken der Fiktion entfalten sie ihr sowohl destabilisierendes als auch restabilisierendes Potenzial. Eben noch der sincérité verpflichtet, verschreiben sie sich alsbald der simulation. Zwischen dem Gefühlserkunden und -bekunden im Medium des Briefs klafft eine Lücke: Setzt das Briefschreiben zunächst Affekte frei, werden sie doch zeitversetzt übertragen; kaum in Umlauf gebracht, sind sie schon ‚Geschichteʹ. Epistoläre Texte oszillieren zwischen explikativer Funktion und performativer Inszenierung, zwischen mimetischem und diegetischem Modus, narrativer und dramatischer Verfasstheit. Briefe – literarisch inszenierte zumal – stehen für kulturelle Praktiken der Tradierung wie auch des Vergessens; sie sind zugleich Instanzen der Vernetzung und Agenten der Dissoziation. Als materielle Geheimnisträger tauschen sie ihre Besitzer, werden von Hand zu Hand gereicht, überkreuzen sich, geben zwischen den Zeilen zu lesen, werden gar nicht erst abgeschickt, bleiben unbeantwortet oder gehen verloren. Der Vortrag möchte sich von der Denkfigur der Beziehungsweise(n) dazu anleiten lassen, unterschiedli- chen Relationen und Relationalitäten von Brief/Literatur in Literatur- und Mediengeschichte der Ro- mania nachzuspüren. Am Beispiel unter anderem des multiperspektivischen und vielfach verfilmten epistolären Romans Les liaisons dangereuses (1782) von Choderlos de Laclos, der Zirkulation von Briefen und Objekten in Mozart/Da Pontes Le nozze di Figaro (1786) und des quasi-monologischen Briefkapitels in Benito Pérez Galdósʹ Tristana (1892) gilt es zu beobachten, wie sich die beiden Pole ‚Briefʹ und ‚Literaturʹ jeweils zueinander in Beziehung setzen lassen und in welcher Weise der fragile Status des Briefs und sein vermeintlich verbriefter Wahrheitsgehalt aufeinander verwiesen sind.

Philipp Wüschner (Berlin): "Intimität, Privatheit, Diskretion – Relationale Affektivität und ob ihr zu entkommen sei."

Entgegen dem psychologischen Paradigma individueller Gefühle hat sich in den letzten Jahren im Anschluss an Spinoza, Gilbert Simondon und Gilles Deleuze eine relationale Lesart von Affekten durchgesetzt. Ihr zufolge sind Affekte – immer als gleichzeitiges Affizieren und Affiziert-Werden verstanden – die unvermeidlichen Spuren davon, dass wir gar nicht anders können, als in Beziehungen zu stehen. Ich möchte in einem ersten Teil diesen relationalen Affektbegriff anhand einiger pop- und medienkultureller Phänomene entwickeln und ihn vor allem in Bezug zur Renaissance der Unmittelbarkeit (z.B. bei Diedrich Diederichsen) diskutieren. Gleichzeitig kann nicht geleugnet werden, dass dieses relationale Weltbild zusehends auf eine Stimmung stößt, die sich vom In-Beziehungen-sein erschöpft, überfordert und mitunter auch angeekelt zeigt. Das wirft eine nicht ganz harmlose Frage auf: Gibt es ein Entkommen aus den Beziehungen, jenseits der Abschottung, des Nationalismus und des Ressentiments?