Call for Papers

„Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single“, so heißt es schon lange in der Werbung der in Deutschland bekanntesten Partnerbörsen des Web 2.0., Parship und Elitepartner. Sie versprechen eine durch die App vermittelte Beziehung, die große Liebe, einen Flirt oder auch einen One-Night-Stand. Den User*innen wird ein Pool an potentiellen Matches vorgestellt, denen sie dann durch das Setzen von Likes oder Dislikes ein Interesse an ihrer virtuellen persona signalisieren; sie chatten, sie daten und möglicherweise verlieben sie sich sogar. Gerade die sozialen Praktiken des Netzwerkens und Vernetzens werden in dieser Hinsicht nicht nur zur Bedingung der beruflichen, sondern zunehmend auch der privaten Selbstentfaltung, die sich in ihrer Konsequenz als kulturelles Modell einer Selbstauffaltung des Einzelnen im Netzwerk realisiert. Die durch virtuelle matchmaking services vermittelten Affekte sind folglich relational zu denken. Dating-Plattformen scheinen so den Liebesbrief und das höfische Umwerben in eine für die digital natives angebrachte Form der Fremd- und Selbstbezüglichkeiten transferiert zu haben. Ein Paradigma der Bezüglichkeit, der Arbeit an und für Beziehungen (Relationen) und der Verwiesenheit (Relationalität) des Selbst auf Andere bei der Herausbildung der eigenen Person kann in diesem Sinne als bestimmend für die Mediennutzung der 2010er Jahre herausgestellt werden. Ziel der Sommerschule ist es, Beziehungsweise(n) in ihren soziokulturellen, historischen und gegenwärtigen Dynamiken, aber auch in ihrer ästhetisch modellierten Performativität zu denken. Mithilfe der Denkfigur der Beziehungsweise(n) soll ein Ausgangspunkt für die Beschreibung und Theoretisierung der Relationalität und der Relationen gefunden werden, die Rezipient*innen mit und personae unter sich in Medien eingehen. Dies drückt sich nicht nur in dem Verhältnis der Medien zueinander und zu den Rezipient*innen sowie in der Verbundenheit intramedial agierender personae aus, sondern spiegelt sich auch in der Lebensweise der Rezipient*innen selbst wider und wirkt sich damit ebenfalls auf die Vorstellung und das Wissen über soziale Relation(en) aus. In der Sommerschule steht das medial gespeicherte prozedurale und in Medien repräsentierte Wissen affektiven Zu-Einander-In-Beziehung-Setzens aus einer historischen und systematischen Perspektive im Mittelpunkt. Dieses spiegelt sich in den verschiedenen Medien in einer Ästhetik wider, die zum einen die Wahrnehmung und Repräsentation von Beziehungen und den in ihnen freigesetzten Affekte lenkt, zum anderen deren Konstituierungs- und Tradierungsweise aufzeigt. Dabei ist nicht nur an das Verhältnis zwischen relationalem Wissen und Literatur, Film und Kunst zu denken, sondern auch an die spezifische Konstruktion von Relationalität durch social media sowie Dating-Apps und Partnerbörsen. Zudem sollen allgemein kultur- und literaturwissenschaftliche sowie medienübergreifende Diskussionen entzündet werden, die vor allem Impulse aus Affekt- und Emotionstheorie, ästhetischer (Rezeptions-)Theorie sowie Performativitäts- und Performanztheorie aufnehmen.

Folgende Fragestellungen können dabei als Anregung dienen:

• Welche Möglichkeiten der Konstituierung von Relationen und Relationalität zwischen Texten / Medien gibt es und welche Folgen für die Rezeption entstehen daraus? Wie haben sich diese historisch entwickelt und gewandelt?

• Mit welchen ästhetischen Strategien stellen Texte Relation nicht nur zwischen Figuren, sondern auch zwischen Text und Leser*innen her?

• Ist ästhetische Relationalität allein den Rezipient*innen zuzuordnen oder ist sie schon immer im ästhetischen Artefakt angelegt?

• Beeinflussen sich verschiedene Leseweisen und das Herausbilden vielfältiger Beziehungsweise(n)? Ermöglichen Re-Lektüren von Texten ein Verflüssigen z.B. geschlechtsspezifischer Einschreibungen in Beziehungsweise(n)?

• Inwiefern können Beziehungsweise(n) vor dem Hintergrund soziokultureller, literarischer sowie medialer Wandlungsprozesse verfolgt werden?

• In welchem Verhältnis stehen medial konstituierte Beziehungsweise(n) und individuelle Lebensweise(n)?

• Führt eine stärkere gegenseitige Relationalität von wissenschaftlicher und künstlerischer, ästhetischer und soziokultureller Praxis nicht nur zu neuen Ausdrucksformen, sondern auch zu innovativen Ansätzen und Methoden in deren Analyse?

• Wie können Beziehungsweise(n) mit und durch Texte fachdidaktisch und medienpädagogisch genutzt werden?

Zielgruppe

Die Sommerschule richtet sich an Nachwuchswissenschaftler*innen der romanistischen Literatur- und Kulturwissenschaften (M.A.-Student*innen höherer Fachsemester, Doktorand*innen, Postdoktorand*innen), die sich mit den erwähnten Schwerpunkten befassen bzw. zu diesen aus ihrer jeweiligen Forschungsarbeit beitragen können. Im interdisziplinären Konzept der Sommerschule stehen weiterhin übergreifende Ansätze und Methoden im Mittelpunkt, die auch Nachbardisziplinen wie Bildwissenschaft, Fachdidaktik, Philosophie, Performance Studies, Theaterwissenschaft u.a. ansprechen. Die Teilnahme von Künstler*innen als Vortragende ist gewünscht. Ablauf Die Sommerschule strebt an, den Teilnehmer*innen einen Überblick über die wichtigsten Vertreter*innen ästhetischer Emotions-, Performanz-/Performativitäts- und Intertextualitätstheorien zu bieten sowie mögliche Methoden zur Analyse romanischer Literaturen und Kulturen zu erarbeiten. Wesentlich wird die Sommerschule durch Keynotes der Expert*innen gerahmt, an die sich jeweils ein auf vorbereitender Lektüre aufbauender Workshop anschließt. Ein digitaler Reader mit ausgewählten Texten wird den Teilnehmer*innen im Vorfeld bereitgestellt. Keynotes und Workshops sollen eine gemeinsame Basis für die Arbeit am Themenfeld bieten und über die spezifischen Einzelperspektiven hinaus eine (abstraktere) Theoriediskussion ermöglichen. Jeder Arbeitstag schließt daher auch mit einem Tagesresümee ab. Es sollen hier die wichtigsten Diskussionslinien zusammengefasst und Erkenntnisse thesenartig festgehalten werden. Während der Sommerschule wird den Teilnehmer*innen nicht nur die Möglichkeit geboten, ihr jeweiliges Forschungsprojekt zu präsentieren und mit den Expert*innen und Kommiliton*innen zu diskutieren, sondern dieses auch in einem Fachvortrag in Hinblick auf das Themenfeld der Sommerschule zu perspektivieren.

Expert*innen

Hermann Doetsch (München)

Nanette Rißler-Pipka (Karlsruhe/Siegen)

Mirjam Schaub (Halle (Saale)/Berlin)

Tanja Schwan (Leipzig)

Philipp Wüschner (Berlin)

Bewerbung

Die Sommerschule ist ausgelegt für etwa 15 Nachwuchswissenschaftler*innen. Der Bewerbung sollte eine kurze Biobibliografie, eine einseitige Beschreibung des aktuellen Forschungsprojektes sowie ein daraus entwickeltes Abstract (ca. 300 Wörter) für einen Kurzvortrag (20min) beigelegt werden. Die Bewerbung erfolgt bis zum 31.05.2018 über ein Onlineformular.

Die Auswahl der Teilnehmer*innen wird bis Mitte Juni 2018 bekannt gegeben. Für alle Teilnehmer*innen wird ein großzügiger Zuschuss zu Reise- und Aufenthaltskosten gewährt.